Liverpool FC – Financial Fair Play Report

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In Kürze startet unsere neue LFC Family Homepage. Bis dahin möchten wir euch auf diesem Wege bei Laune halten. Neben den obligatorischen Spielberichten, der Story Of The Season wird es auch einige Artikel geben, die etwas tiefer und detaillierter in die Materie tauchen werden. Den Anfang macht Dominik Kress. Viel Spaß bei unserem ersten #Longread. (Aé)

Liverpool zahlt 75 Mio. Pfund für Van Dijk: Ist das noch Financial Fair Play?

Virgil van Dijks Transfer zu Liverpool für die Rekordsumme von geschätzten 75 Mio. Pfund ist das Gesprächsthema der letzten Tage und Wochen. Viele fragen sich – meiner Meinung nach zurecht: Dürfen die das? Wie kann sich der Liverpool FC von einer Mannschaft aus dem Mittelfeld der Premiere League einen Verteidiger zu einem Preis kaufen, für den 17 Jahre zuvor offensive Weltspieler wie Zinédine Zidane wechselten?

Gerade um den, seit dem Bosman Urteil [1] – für viele so scheinbar – außer Kontrolle geratenen Markt der Spielertransfers wieder zu beruhigen und eine derart astronomische Summe für einen einzelnen Spieler zu verhindern, sollte das 2015 von der UEFA eingeführte Financial Fair Play Reglement nun zu schwerwiegenden Sanktionen für den Club führen – sollten die Kassen nicht mit einem Spielertransfer, in etwa selbigem Preisniveau, vom Club weg, erneut gefüllt werden. Viele Fans sehen in der Verpflichtung von Van Dijk zu solch einem Preis den Grund des Verkaufs von Phillipe Coutinho zum Preis von geschätzten 160 Mio Euro. Doch war wirklich notwendig? Muss Liverpool einen seiner besten Spieler verkaufen um sich einen 75 Mio Transfer leisten zu können?

Financial Fair Play Regularien

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir uns zunächst anschauen, was das Financial Fair Play Reglement überhaupt besagt. Zu dieser Regelsammlung gibt die offizielle UEFA Website folgende Antwort auf die Frage der negativen Finanzbilanz eines Vereins:

Dürfen Klubs keine Verluste mehr machen?
Genau genommen dürfen Klubs pro Bewertungszeitraum (drei Jahre) bis zu 5 Millionen Euro mehr ausgeben, als sie einnehmen. Dieses Defizit kann in einem bestimmten Rahmen überschritten werden, falls es vollständig gedeckt wird durch die direkte Bezahlung des/der Eigentümer oder einer in Verbindung stehender Partei. Dies verhindert den Aufbau von untragbaren Schulden.
Die Obergrenzen sind:
45 Millionen Euro für die Bewertungszeiträume 2013/14 und 2014/15;
30 Millionen Euro für die Bewertungszeiträume 2015/16, 2016/17 und 2017/18.
Kosten für Investitionen in Stadien, Trainingseinrichtungen, Juniorenförderung und Frauenfußball (ab 2015) sind von der Break-even-Berechnung ausgenommen, um derartige Projekte zu fördern. [2]

Zusammengefasst bedeutet das also: Clubs dürfen innerhalb eines Zeitraums von 3 Jahren einen Verlust von insgesamt 35 Mio Euro machen, falls die Eigentümer 30 Mio Euro davon aus „der eigenen Tasche“ finanzieren. Infrastrukturkosten, wie beispielsweise ein Stadionausbau, werden dabei aus der Rechnung ausgenommen.
Betrachten wir für den Fall des Liverpool FC also einmal die finanzielle Grundlage des Vereins, auf welcher dieser Transfer im Sinne des Financial Fair Play begründet werden kann.

Finanzbilanz Liverpool zum Mai 2015

Blicken wir also zurück auf die finanzelle Bilanz Liverpools in den letzten 3 Jahren. Glücklicherweise veröffentlicht der Liverpool FC seine Bilanzen der letzten Jahre, wodurch sich eindeutige Aussagen zur finanziellen Situation treffen lassen. So beginnen wir mit einer Betrachtung des Jahres zum Mai 2015. Nachdem bis Mai 2014 unter der Fenway Sports Group zum ersten mal seit 7 Jahren ein – wenn auch nur kleiner – Profit von 0,9 Mio Pfund (1,01 Mio Euro) eingefahren wurde, versprach die Bilanz 2015 mit dem Verkauf von Luis Suarez weiter zu steigen. Mit Rekordeinnahmen von 297,9 Mio Pfund (335 Mio Euro) konnte dabei sogar ein Gewinn von 60 Mio Pfund (64,4 Mio Euro) erzielt werden. [3]

Finanzbilanz Liverpool zum Mai 2016

Dieser Trend der positiven Bilanz wurde jedoch zum Mai 2016 gebrochen. Erneute Rekordeinnahmen von knapp 301,8 Mio Pfund (352,6 Mio Euro) sahen am Ende eine negative Bilanz: Ein Verlust von 19,8 Mio Pfund (23,2 Mio Euro) wurde am Abschluss des Finanzjahres geschrieben. Dieser Verlust begründete jedoch größtenteils auf zwei Faktoren: Dem Stadionausbau und der Championsleague. Liverpool war in der vorherigen Saison nicht in der Champions League vertreten – als einziges Team in der Deloitte Football Money League Top 10 – und konnte daher keine der hohen Beiträge aus diesem Wettbewerb verzeichnen. Zudem wurde der Mainstand des eigenen Stadions ausgebaut, was zu einer Verminderung der Einnahmen durch Tickets – da weniger Sitzplätze zur Zeit des Umbaus zur Verfügung standen – als auch die hohen Umbaukosten in der Bilanz führte.

Finanzbilanz Liverpool zum Mai 2017

Da die Zahlen des Jahres zum Mai 2017 noch nicht veröffentlicht sind, kann hierzu noch keine konkrete Aussage getroffen werden, es ist jedoch davon auszugehen, dass mit der Rückkehr in einen internationalen Wettbewerb mit dem Erreichen des EL-Halbfinals und einem Abschluss des Stadionumbaus genau die zwei Hauptfaktoren für die negative Bilanz des letzten Jahres wieder aufheben werden. Es werden durch die Erweiterung von knapp 20.000 neuen Sitzplätzen eine Steigerung von 20 Mio Pfund (22,49 Mio Euro) erwartet [5]. Zudem führt die Einführung des neuen Fernsehgeld Vertrages, der 2016 die Umsätze 1,25 Milliarden auf 2,3 Milliarden Euro pro Saison [6] sieht – in Verbindung zu Liverpools offensiv Fussball, der konstant zu der höchsten Anzahl übertragener Spiele der Liga führt – sicher auch zu einer Steigerung der Einnahmen in diesem Sektor. Ebenso weißt der neue Finanzzeitraum keine signifikanten Ausgaben, außer die Rückzahlung des zinsfreien Darlehens für den Stadionausbau an die Eigentümer, aus. Es ist also davon auszugehen, dass wieder ein eindeutiger Gewinn in der Bilanz zu verzeichnen sind.

Hochrechnungen der 3 Jahre

Rechnen wir in diesem Beispiel aus Gründen der Einfachheit erneut zum Mai 2017 mit einem Gewinn wie zum Mai 2015: 60 Mio Pfund (64,4 Mio Euro), dann haben wir über den für das Financial Fair Play Regularium relevanten Zeitraum von 3 Jahren eine Bilanz von +60 Mio Pfund, -19,8 Mio Pfund, +60 Mio Pfund – also 100,2 Mio Pfund (112,68 Mio Euro). Nun muss jedoch noch bedacht werden, dass Ausgaben für den Stadionausbau und andere Infrastrukturprojekte aus den Berechnungen des Financial Fair Plays ausscheiden: Es werden also noch einmal Gesamtausgaben von 114 Mio Pfund (128,2 Mio Euro) in der Rechnung der UEFA fürs Financial Fair Play nur bedingt bedacht.
Bleiben unterm Strich ein grob geschätzter Betrag von 214,2 Mio Pfund (240,88 Mio Euro) Gewinn über einen Zeitraum von 3 Jahren. Dieser Betrag ist natürlich nur mit Vorsicht zu genießen, da vor allem das dritte Jahr in der Rechnung lediglich auf Erwartungen und einer ganz groben Schätzung begründet. Doch die Richtung wird eindeutig: Der Liverpool FC hat viel Spielraum für Ausgaben.

Ausblick auf die Transferbilanz Liverpools

Doch ob sich der Liverpool FC das finanziell erlauben kann und moralisch erlauben sollte ist wiederum eine andere Frage. Kauft der Club mit seiner Finanzkraft die Liga leer? Kauft er einfach hunderte Spieler zu völlig erhöhten Preisen, wie etwa ein auf 30 Mio Pfund Marktwert geschätzten Innenverteidiger für 75 Mio Pfund? Lasst uns also noch zum Abschluss auf die Transfer Bilanz des Liverpool FC in den letzten Jahren schauen.

Transferbilanz 15/16

Beginnen wir in der Saison 15/16. Hierbei teilten sich Rodgers und Klopp eine Saison und so fallen vor allem noch Rodgers Transfers aus dem Sommer in die Rechnung. Inklusive dem Ende von Leihen und Transfers aus der Jugend wurden 22 Spieler dem Kader hinzugefügt. Eine Summe von 125,4 Mio Euro wurde für einen von Transfermarkt.de geschätzten, kumulierten Marktwert von 124,65 Mio Euro ausgegeben. Vor allem fielen hier die Transfers von Benteke (46,5 Mio Euro) und Firmino (41 Mio Euro) ins Gewicht. Ausgeglichen wurde das von 22 Abgängen. Vor allem die Einnahmen aus dem Sterling Transfer (62,5 Mio Euro) sorgten für Einnahmen in Höhe von 89,35 Mio Euro. Bedeutet in der Saison 15/16 wurden Transferverluste von 36,05 Mio Euro gemacht.

Transferbilanz 16/17

In der Saison 16/17 folgte nun Klopps erste Sommertransferperiode. Das Team musste nach seinen Wünschen neu umstrukturiert werden und sah deshalb erneut 17 Zugänge (mit Leihen und Transfers aus der eigenen Jugend). Hierbei wurden 79,9 Mio Euro ausgegeben – für einen von Transfermarkt.de geschätzten, kumulierten Marktwert von 140,95 Mio Euro! Auffälligste Transfers waren Sadio Mane mit 41,2 Mio Euro und Georginio Wijnaldum mit 27,5 Mio Euro. Zum Ausgleich gab es ebenso 17 Abgänge – unter anderem Benteke (32,2 Mio Euro), Jordan Ibe (18 Mio Euro) und Joe Allen (15,5 Mio Euro) sorgten hierbei für einen Gewinn von 84,9 Mio Euro. In der Bilanz macht das einen Transfergewinn von 5 Mio Euro.

Aktuelle Transferbilanz

Und nun zur Bilanz mit den Einnahmen der neuen Fernsehgeldern und der Rückkehr in die Champions League – sowie dem verrücktesten Transfermarkt der Fussballgeschichte: 17/18 verzeichnet bisher 8 Zugänge. Vor allem Van Dijks 78,8 Mio Euro Transfer, aber auch die 42 Mio Euro für Mohammed Salah, oder gar die 38 Mio Euro für Alex Oxlade-Chamberlain rechnen sich hier zu beeindruckenden Gesamtausgaben von 167,8 Mio Euro zusammen – Bei einem von Transfermarkt.de geschätzten, kumulierten Marktwert von 101,25 Mio Euro. Dem stehen 8 Abgänge entgegen. Etwa Sakhos 28,2 Mio Euro Transfers lässt die Einnahmen zumindest auf 47,2 Mio Euro steigen. In der Bilanz bedeutet das ein Minus von 120,6 Mio Euro. Nicht eingerechnet sind dabei natürlich die Transfereinnahmen in Höhe von geschätzt 160 Mio Euro für den Coutinho Verkauf.

3 Jahre – Die Zusammenrechnung

Zusammengerechnet bedeutet das: Über die Dauer von 3 Saisons wurden dem Kader 47 Spieler hinzugefügt und ebenso 47 Spieler wieder entfernt. Ausgaben in Höhe von 372,35 Mio Euro wurden in dieser Zeit für einen von Transfermarkt.de geschätzten, kumulierten Marktwert von 366,85 Mio Euro getätigt. Dem stehen Einnahmen in Höhe von 221,45 Mio Euro gegenüber, wodurch über 3 Jahre ein Verlust – beziehungsweise in dem Fall doch eher eine Investition – von 150,9 Mio Euro stehen, die unter allen Regularien des Financial Fair Plays ohne irgendwelche Einschränkungen im Rahmen der Finanzkraft des Liverpool FCs stehen.
Zum Vergleich stehen wir mit dieser Differenz zwischen Transfereinnahmen und -ausgaben auf Platz 7 des internationalen Vergleichs – direkt hinter Heibei China Fortune (155,57 Mio Euro), dem FC Bayern München (157,65 Mio Euro), oder AC Milan (252,37 Mio Euro). Angeführt wird die Liste in dieser Zeit zum Vergleich von Manchester City mit einer negativen Differenz von 478,06 Mio Euro.

Fazit

Es ist also sicher zu sagen, dass der Liverpool FC sich diesen Transfer leisten kann. Das Investment deutet vor allem auch im internationalen Vergleich auf die Ambitionen des Vereins. Trotzdem hält es sich im Rahmen der Finanzkraft der Marke Liverpool. Die Früchte dieser Investments können wir nun – und sicher auch in Zukunft noch eine ganze Zeit lang – jeden Spieltag auf dem Spielfeld bewundern, bereits beim Debut des neuen Superstars. Hier kommt nun wieder die viel geliebte Fussball-Romantik ins Spiel: So spielt der für 75 Mio Pfund gekauften Innenverteidiger Virgil van Dijk sein Debut ausgerechnet im Pokal-Derby gegen den FC Everton und verwandelt den entscheidenden Siegttreffer. Geschichten die unser geliebter Fussball schreibt – ob nun für 10 Millionen, oder 10 Milliarden. Wie auch schon Jürgen Klopp Coutinhos Wechsel zum FC Barcelona kommentierte:

You cannot transfer the heart and soul of Liverpool Football Club, although I am sure there are many clubs who would like to buy it. [7]

Egal wieviel Geld im Fussball von Verein zu Verein fließt, das Herz und die Seele wird er nicht so schnell verlieren.
Was haltet ihr von diesem Artikel? Wie seht ihr diesen Mammut-Transfer nach den Informationen, die ihr jetzt bekommen habt. Wir sind gespannt auf eure Meinungen. Vielen Dank für eure Zeit. (DK) Dominik Kress.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Bosman-Entscheidung
[2] http://de.uefa.com/community/news/newsid=2065553.html
[3] http://www.liverpoolfc.com/news/announcements/209531-lfc-announces-financial-results-for-the-year-to-may-31-2015
[4] http://www.liverpoolfc.com/news/announcements/255334-lfc-announces-financial-results-for-year-to-may-2016
[5] https://www.theguardian.com/football/2014/dec/04/liverpool-new-main-stand-anfield-corporate-seats
[6] http://www.handelsblatt.com/sport/fussball/tv-rechte-im-fussball-der-englische-fussball-schwimmt-im-geld/10863064-2.html
[7] http://www.liverpoolfc.com/news/first-team/286597-jurgen-klopp-on-philippe-coutinho-transfer

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