Vorbericht – Zeit für neue Legenden

Embed from Getty Images

Wer hat auch noch einen Brummschädel und ist von den Anfield-Nächten vor wenigen Wochen immer noch betrunken? Vielleicht seid ihr immer noch in Rom und präsentiert eure Banner (böse Zungen behaupten, es irren immer noch einige LFC-Supporter in Istanbul herum, aber das sind nur Gerüchte)? Oder wer versucht noch herauszufinden, ob das nur ein feuchter Traum ist, den wir gerade erleben? Erwischt. Dem Autor dieses Artikels geht es genauso. Am Morgen nach dem Finalspiel werden wir ein Déjà-vu haben – die Redmen in Kiew werden dabei entscheiden, was für eins. Es muss einfach nochmals ausgesprochen werden: WIR SIND IM CHAMPIONS LEAGUE-FINALE! In den nächsten paar Minuten, während ihr diesen Vorbericht lest, könnt ihr euch in eure Fritteuse setzen und für den 26. Mai heiss wie Frittenfett werden.

Wir kennen alle die Geschichten der Heldentaten, die in der glorreichen Vergangenheit des Liverpool FC liegen. Nur allzu gerne erzählen wir nicht Liverpool-Supportern, was für eine immense Vergangenheit unser Verein nicht nur in England, sondern auch in Europa und der ganzen Welt hat, was uns aber bei Fans rivalisierender Clubs Spitznamen wie «History FC» eingebracht hat. Istanbul und das Homecoming sind auch schon wieder 13 Jahre her, aber diejenigen Liverpool-Supporter, die es erlebt haben, werden es niemals vergessen; geschweige denn die 70er und 80er Jahre. Diese Zeit hat uns in die europäische Fussball-Aristokratie erhoben – wir haben mit nur fünf anderen Vereinen das Recht, die Anzahl europäischer Erfolge auf die Ärmel zu drucken. Es wird allerdings dringend wieder mal Zeit, im achten Finale des Europapokals der Landesmeister/Champions League (von denen wir fünf gewonnen haben, was aber wohl sehr überflüssig zu erwähnen ist), neue Geschichten zu schreiben und alle anderen daran zu erinnern, wo der Liverpool FC hingehört. Viele der heutigen Liverpool-Supporter (abhängig vom Alter) haben vielleicht noch Erinnerungen an Athen oder Istanbul – jedoch wird es für ganz viele das grösste Spiel sein, seitdem sie Liverpool-Supporter sind. Erfolge wie diese definieren nicht nur den Verein, sondern auch das Selbstbild der Supporter. Genau deshalb, für solche Momente, lieben wir alle den Liverpool FC. Zusammen mit anderen Supportern in Pubs, großen Public Viewings oder einfach Zuhause das Spiel schauen und bei jeder Schiedsrichterentscheidung durchdrehen und bei jedem Tor eine Bierdusche kassieren. Das ist Fussball. Das sind Emotionen, die man nur fühlen kann, wenn man mit seinem Verein durch alle Zeiten durchgeht. Momente wie diese entschädigen für alle bitteren Pillen, die wir bis dahin während der langen Saison schlucken mussten, denn wie wir alle nur allzu gut wissen, macht es nicht immer nur Spass, ein loyaler Liverpool-Supporter zu sein. Dann gibt es noch die Glücklichen, die ein Ticket für Kiew haben – sie sind unsere ersten Vertreter im Stadion und haben die Aufgabe, der Fussballwelt zu zeigen, was für geile Supporter der Liverpool FC hat. An alle, die den Reds hinterherreisen: Saugt jede Sekunde auf sorgt dafür, dass wir wieder Geschichten für die Ewigkeit haben – nicht nur aus fussballerischer Sicht.

Was können wir also für Emotionen rund um das Champions League-Finale fühlen? Wer kennt nicht das Gefühl, vor Nervosität weiche Knie zu haben? Das ist übrigens ein Zeichen, dass man wirklich mit dem Verein durch dick und dünn geht. Oder der sofortige Adrenalinrausch, wenn Liverpool ein Tor erzielt? Kann man dieses Gefühl überhaupt rationalisieren, oder ist es etwas so urpositives, dass das gar nicht notwendig ist? Diese Adrenalin-Stöße werden am 26. Mai wohl heftiger sein als jemals zuvor – auch mit dem Risiko, das pure Gegenteil, einen bitteren Albtraum, zu erleben. Oder am Morgen des Finals aufzuwachen und dieses unbeschreibliche Gefühl zu haben, in ein paar Stunden eines der wichtigsten Spiele der Vereinsgeschichte miterleben zu dürfen? Die zeitliche Wahrnehmung kann abhängig vom Spielstand auch sehr subjektiv werden – aus 20 Minuten können schnell mal gefühlte 100 oder fünf werden. Oder was ist mit diesem riesigen schwarzen Loch, welches sich am 26. Mai auftut und niemand weiss, was danach geschieht? Dieses eine Spiel wird darüber entscheiden, wie wir uns während der langen Sommerpause fühlen werden. Irgendwann wird auch im besten Urlaub ganz unbewusst wieder das Wort Kiew aus dem Hinterkopf hervorgekramt – was passierte da nochmals genau? Dann gibt es natürlich noch die Fans unserer Premier League-Rivalen, die sich während dem sie sich das Spiel anschauen, fragen werden, warum die Scousers dort sind und sie nicht. Ist das nicht ein herrliches Gefühl? Vor der Saison waren wir nur Außenseiter und Teams wie Manchester City, die die Premier League nach belieben dominierten, wurden von uns mit 5:1 wieder entlang der M62 nach Hause geschickt.

Außerdem gab es noch viele andere fantastische Geschichten dieser Champions League-Saison – zum Beispiel, als der travelling Kop aus Porto mit dem neuen Song «Allez Allez Allez» nach Liverpool zurückkam. Was dieser Song ausgelöst hat, ist mittlerweile fast schon Fankultur und hat Anfield zusätzlich Stimmung eingehaucht – magische Anfield European Nights standen den alten legendären Nächten in nichts nach. Solche Dinge passieren nur, wenn etwas Außergewöhnliches geschieht, genauer gesagt Vereinsgeschichte geschrieben wird. Diese Saison ist sehr außergewöhnlich – das müssen auch die größten Nörgler anerkennen. Leider gehören auch die hässlichen Episoden, wie die Geschichte von Sean Cox, zu dieser Saison in Europa. Wenn wir am 26. Mai den sechsten Henkelpott in den ukrainischen Nachthimmel stemmen, ist dieser Erfolg auch an Sean gewidmet. Ein weiteres Ärgernis ist auch, dass die beiden Final-Vereine von der UEFA nur jeweils 16.000 Tickets bekommen haben, viele davon überteuert, was zusammengezählt nur etwas 45 Prozent der Stadionkapazität ausmacht. Der Rest ging an neutrale Fans und Sponsoren. Hotels in Kiew nutzen ebenfalls die Gunst der Stunde und stornieren schon gebuchte Übernachtungen um die Tage des Finals mit offensichtlich dubiosen Begründungen. Die Absicht dahinter ist klar: Nach der Stornierung das gleiche Zimmer zu einem überteuerten Preis wieder anzubieten. Wir sollten uns aber lieber auf die positiven Dinge konzentrieren. Viel Glück an alle, die vor Ort sein werden.

Ganz gemäss unserem neuen fantastischen Song haben wir (fast) ganz Europa eingenommen – die letzte, alles entscheidende Schlacht in Kiew gegen Real Madrid, den wohl illustresten möglichen Gegner mit zwölf europäischen Titeln, muss aber noch gewonnen werden. Genießt jede Sekunde dieser wilden Fahrt, die nur im hier und jetzt stattfinden wird; denn egal, was in dieser Frühlingsnacht des 26. Mais 2018 geschieht: Wir sind jetzt schon Teil der Vereinsgeschichte und niemand weiss, ob und wann wir wieder einmal so weit kommen werden. Nehmt Flaggen, Schals sowie eine geölte und eingesungene Stimme in die Pubs mit und zeigt allen, dass wir stolz sagen können, Supporter des geilsten Vereins der Welt zu sein. Dies ist die Nacht, von der wir noch in 30 Jahren erzählen werden, denn die Fans unserer Rivalen haben absolut Recht: Wir sind der «History FC» und verdammt stolz drauf. We Are Liverpool!

Real Madrid CF – Liverpool FC

Embed from Getty Images

26.05.2018
Kick Off: 20:45 Uhr
Olympiastadion Kiew, 70.000 Plätze

Ausgangslage und der Weg nach Kiew

Die Mannschaft, die diese Saison die mit Abstand meisten Tore in der Champions League erzielte (40, mit Qualifikation 46) gegen einen nimmersatten Gegner, der jede Saison als Misserfolg betrachtet, wenn die CL nicht gewonnen wird. Hätten wir uns überhaupt einen besseren Gegner als Real Madrid wünschen können? Klar ist die sportliche Herausforderung immens und Real Madrid ist der Favorit, aber in einem CL-Finale dürfen wir keinen leichten Gegner erwarten. Europa wurde in den letzten Jahren von spanischen Clubs dominiert – alleine Real Madrid gewann in den letzten vier Jahren dreimal den Titel und konnte ihn zuletzt als erster Verein seit Bestehen der Champions League verteidigen. Im Moment gibt es keine andere Mannschaft, welche auf europäischer Bühne so erfahren und erfolgreich ist. Ist das unsere Chance? Ist es möglich, dass selbst Real Madrid irgendwann mal siegesmüde wird? Darauf verlassen können wir uns definitiv nicht und unsere Gier, den sechsten Henkelpott an die Mersey zu holen, muss größer sein, als die des Gegners. 2005 hatten wir vor dem Spiel gegen eine schier übermächtige Milan-Mannschaft um Maldini, Gattuso, Dida, Kaka, Nesta, Crespo, Shevchenko, Pirlo und so weiter auch keine Chance – was bei diesem Spiel jedoch geschah, ist Teil unseres Vereinsmythos. Zudem ist das CL-Finale ein Cup-Spiel, bei dem alle vorherigen Errungenschaften irrelevant sind und in maximal 120 Minuten plus Elfmeterschiessen ist alles möglich, obwohl auch 120 Minuten verdammt lange sein können – erinnern wir uns nur mal an Carragher’s Krämpfe in der Verlängerung von Istanbul.

Ein Blick auf die Statistik zeichnet für uns ein positives Bild – bis anhin gab es fünf Aufeinandertreffen, von denen wir drei gewinnen konnten und zwei verloren. Unter den Siegen war natürlich unser dritter Sieg im Europapokal der Landesmeister 1981 in Paris, als Alan Kennedy das einzige Tor des Spiels schoss. Die anderen beiden Siege stammen aus dem CL-Achtelfinale 2008/09 unter Rafa, als wir im Bernabéu das Hinspiel dank eines Tores von Yossi Benayoun mit 1:0 gewannen. In Anfield demontierte Gerrard mit einer seiner besten Leistungen im roten Trikot Real Madrid fast im Alleingang – schlussendlich setzten wir uns nach Hin- und Rückspiel 5:0 durch. Weniger erfreulich war die CL-Saison 2014/15 unter Rodgers, als wir in der Gruppenphase zuerst in Anfield 0:3 und im Bernabéu 0:1 verloren, was gleichbedeutend mit dem Ausscheiden aus der Gruppenphase war. Es zeigt aber auch, wie weit wir seitdem gekommen sind.

Embed from Getty Images

Unseren Weg nach Kiew kennen wir alle – nach einem langsamen Start mit zwei Unentschieden gegen Sevilla und Spartak Moskau war die Gruppenphase mit zwei 7:0-Siegen gegen Maribor und Spartak Moskau furios. In der K.O.-Phase warteten nacheinander Porto (Mané lässt grüssen), Manchester City (ob Sterling es immer noch so cool findet, uns verlassen zu haben?) und die AS Roma (Milners gratis Tattoo steht ihm gut). Wie wir diese Gegner streckenweise auseinandernahmen, ist ein Beweis dafür, dass wir mehr als Bereit sind für Real Madrid. Im Halbfinale gegen die AS Roma stellten wir mit 13 Toren (7:6) einen neuen Rekord auf.

Obwohl wir in Kiew die Auswärtsmannschaft sein werden, können wir trotzdem mit unseren roten Heimtrikots auflaufen, da Real Madrid bekannterweise weiss tragen wird. Ob das ein Vorteil für uns ist? Es sollte zwar keinen Unterschied machen, welche Farbe unsere Trikots haben werden, aber wir sind nicht umsonst die «Reds».

Team News

Von der Verletzungsfront gibt es keine Neuigkeiten. Die Langzeitverletzten Oxlade-Chamberlain und Matip werden in Kiew definitiv nicht spielen können, was vor allem sehr bitter für „The Ox“ ist, der in der CL seine besten Spiele für uns gezeigt hat. Des weiteren fällt Gomez aus, er sollte aber Anfang Juli wieder zur Verfügung stehen. Für Can wird es ein enges Rennen gegen die Zeit. Er war zwar im Trainingslager im spanischen Marbella (ohne trainiert zu haben), es wird aber wohl zu höchstens einem Platz auf der Ersatzbank reichen. In einem CL-Finale ist es nicht weise, einen Spieler von Beginn an spielen zu lassen, der nur wenige Tage vor dem Spiel wieder ins Training eingestiegen ist und das letzte Mal Ende März auf dem Platz stand. Milner ist nach seiner verletzungsbedingten Ausfall gegen Brighton wieder ins Training eingestiegen und wird in Kiew zur Verfügung stehen, was uns alle erleichtert, schliesslich sprechen wir hier über den Top Assistgeber der CL-Geschichte. Der ganze Rest des Kaders ist fit und heiß auf das Finale. Die zwei Wochen Trainingszeit wird unseren Spielern sehr gut getan haben und wenn es drauf an kommt, werden alle fit genug für einen potenziell 120 Minuten langen Nervenkrieg sein.

Sollte es keine neuen Verletzten mehr geben, wird unsere Startformation mit hoher Wahrscheinlichkeit wie folgt aussehen:

Karius – Alexander-Arnold, Van Dijk, Lovren, Robertson – Wijnaldum, Henderson, Milner – Salah, Firmino, Mané

Etwas offener dürfte der Kampf um die sieben Plätze auf der Ersatzbank sein. Folgende Auswahl sollte aber etwa stimmen:

Mignolet, Klavan, Clyne, Can, Lallana, Ings, Solanke

Es gibt auch gute Argumente, Woodburn auf die Bank zu setzen und stattdessen jemanden aus dem Sturmduo Ings/Solanke rauszunehmen. Ob es Clyne auf die Bank schafft ist auch alles andere als klar – hier könnte sich Klopp genauso gut für Moreno entscheiden.

Habt ihr unterdessen herausgefunden, ob ihr in einem feuchten Traum gefangen seid und ist eure Fritteuse heiß genug eingestellt? Ja? Alles richtig gemacht. Wir stehen wenige Stunden vor der wildesten Achterbahnfahrt unseres Supporter Daseins – die Geschichtsbücher stehen meterweit offen. Wir hauen alles raus, was wir haben. Wer nicht singt, bekommt eine Bierdusche!

C’mmmmoooooooooooooooonnnnnnnnn Redmen!!!!!!!!!!!!!!!!

Die Tipps der LFC Familie

Robin W. – LFC Familie Zürich – 3:4 (2x Salah, Firmino, Mané)
Richard K. – LFC Familie Sachsen – 1:3 (2x Salah, Firmino)
André V. – OLSC Berlin Reds – 2:3 (Salah, Firmino, van Dijk)
Christian S. – Hamburg Reds – 1:2 (Mane, Salah)
Christian K. – LFC Familie Dresden – 4:5 (2xSalah, Mané, Van Dijk, Firmino)
Pascal P. – Karlsruhe Kopites – 1:2 (Salah, Alexander-Arnold)
Mathis F. – Karlsruhe Kopites – 2:3 n. V. (Salah, Bobby, VVD)
Michael T. – LFC Familie NRW – 0:1 (Wijnaldum)
André F. – LFC Familie Dresden – 1:4 (2x Mané, Salah, Hendo)
Andrei – Rhine-Neckar Reds – 1-3 (Salah, Bobby, Mané)
Christian A. – LFC Familie News Team – 1:2 (2xSalah)

Von Robin Wittwer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .